In Teil 1 der Artikelreihe zur Finanzkrise wurde ausgeführt, warum wir aus der Krise lernen sollten. Dazu gilt es aber zuerst die Auslöser zu identifizieren.
Die gängige These zur jüngsten Finanzkrise lautet: "Die Gier der US-Banken bei Subprime-Krediten war der Auslöser".
Aus dieser Gleichung müssen jedoch einige Angaben in Anbetracht der Tatsache, dass es immer wieder Finanz- und Bankkrisen gegeben hat, aber diese nicht das Ausmaß des Jahres 2008 angenommen haben, differenziert werden.
Gier:
Die Gier ist eine menschliche, zeitlose Eigenschaft und kann daher nicht universell als Grund für die Finanzmarktkrise 2008 dienen. Übersetzt man "Gier" aber in "Gewinnabsicht", gilt folgendes:
"Dass die Banken Profite machen wollen, ist ihnen ja auch nicht vorzuwerfen. Sie reagieren nur auf Anreize der Gesetzgebung. "
Richard Werner, Professor für International Banking an der University of Southampton.
Dass nicht nur US-Banken am fröhlichen Subprime-Wettspiel mitgemacht haben, zeigen neue Informationen über das Verhalten der Deutschen Bank:
Zitat aus "Der Spiegel Online":
"Die Krise war keine Naturkatastrophe, sondern das Resultat hochriskanter, komplexer Finanzprodukte, verdeckter Interessenskonflikte und des Versagens der Aufsichtsbehörden, der Ratingagenturen und des Marktes selbst". Die Deutsche Bank soll konkret hochriskante CDO's "aggressiv vermarktet" haben - obwohl der zuständige leitende Trader, Greg Lippmann, davor warnte.
Auch die Definition von "Banken" ist zu differenzieren:
Die Investmentbanken gehören zu den großen "Nachkrisengewinnern":
Nach Ihrer Rettung durch massive Interventionen der FED schreiben sie 2010 wieder enorme Gewinne , die jedoch Großteil aus der Auflösung von Vorsorgen stammen (Quelle: diepresse.com)
Von den verhältnismäßig kleine Instituten, die das klassische Banken-Geschäftsmodell verfolgen (Kredite gegen Spareinlagen), sind 2010 in den USA 157 in die Insolvenz geschlittert.
Der Schluss daher: die politischen Rahmenbedingungen waren Schuld. Führende Finanzwissenschaftler wie Charles Calomiris bestätigen die politische Schuld an der Finanzkrise in seiner Veröffentlichung "Banking Crisis and the rules of the game" (Quelle):
"Zu den nötigen Rahmenbedingen für eine Bankenkrise gehört eine Politik, die die Anreizsysteme durcheinanderbringt".
Und diese Rahmenbedingungen hat die US-Politik in den vergangen Jahren und Jahrzehnten mit folgenden 6 Zutaten geschaffen:
1. Too-Big-To-Fail-Rettungen
Nicht erst in der Finanzkrise von 2008 mussten Banken mit Staatsgeldern aufgefangen werden, deren Insolvenz einen zu großen wirtschaftlichen Schaden verursacht hätte: Bereits in den 1980er Jahren mussten Institute (First Pennsylvania, Continental Illinois, die Sparkassen) vom Finanzministerium oder der US-Einlagensicherung vor der Pleite gerettet werden. Dies hat den "moral hazard" der Großbanken weiter genährt, da nicht mehr die Gläubiger dieser Institute den Risikoappetit steuern mussten: geht die Bank übergroße Risiken ein, würden nämlich sonst die Gläubiger (zu denen gehören auch die Sparer, die ihr Geld veranlagen, gehören) höhere Zinsen verlangen und somit diese Tendenz ausgleichen. Dies war nach den Präzedenzfällen der geretteten Banken nicht mehr nötig
2. Einlagensicherung:
Einerseits wurde die Einlagensicherung im Jahr 1980 in den US von 40.000 auf 100.000 Dollar je Konto angehoben, andererseits wurde es 2003 ermöglicht, Einlagen bis 50 Millionen Dollar versichern zu lassen.
3. Home Ownership - Politik
Die Politik, möglichst jeden US-Bürger seine eigenen 4 Wände zu ermöglichen, hat lange Tradition in den Vereinigten Staaten.
Den Höhepunkt der "Home-Ownership-Politik" erreichten die USA unter Präsident George W. Bush. Dieser sagte am 17. Mai 2002: "Owning a home is part of the american dream" (Link zum Youtube-Video)
2005 erreichte die Eigentumsquote in den USA mit 68,9% den höchsten Stand aller Zeiten. Im Vergleich dazu liegt Österreich mit 56% deutlich darunter, Deutschland weist sogar eine Eigentumsquote von nur 42% aus. (Quelle: Wikipedia)
Um diesen "American Dream" aufrecht zu erhalten, war eine Vielzahl an gesetzlichen Regelungen und Maßnahmen nötig:
- Subvention von Instituten, die Hypothekarkredite ankaufen oder garantieren (Fannie Mae und Freddie Mac)
- Steuererleichterungen (zB für den Zinsendienst beim Kauf der ersten Liegenschaft)
- Community Reinvestment Act: Banken, die der Einlagensicherung angeschlossen sind, müssen eine vorgegebene Kreditquote auch bei einkommens-/vermögensschwächeren Schichten erreichen (siehe Wikipedia)
4. Zinspolitik der FED
Die künstlich niedrig gehaltenen Leitzinsen der FED veranlassten Banken dazu, sich immer mehr kurzfristige Liquidität zu besorgen. Diese Politik des "billigen Geldes" ermutigte die Kreditgeber dazu, möglichst viele (langfristige) Kredite zu vergeben und die Vorsicht bei der Risikoeinstufung der Kreditnehmer zu vernachlässigen.
In der Autobiographie von Alan Greenspan (FED-Vorsitzender von 1987 - 2006), die 2007 erschien (also bevor das Ausmaß der Finanzkrise abschätzbar war), erläuterte er wie folgt:
„Wir sind das Risiko eingegangen, durch die Zinssenkungen eine Blase, einen inflationären Boom in irgendeiner Weise auszulösen, um den wir uns später würden kümmern müssen“, erläutert Greenspan. „Es war die richtige Entscheidung.“ (Quelle: faz.net)
5. Risikoregeln
Bei den Risikoregeln ist eine Kombination aus verschiedenen US-Eigenheiten fatal: einerseits wurden die in Europa geltenden BaselII-Rahmenbedingungen nicht oder nur teilweise umgesetzt. Dazu kommt, dass in den USA private Hypothekarschuldner nicht mit ihrem Einkommen haften, sodass die Einkommenssituation in der Kreditvergabe keine Rolle spielt. Letztendlich ist für die Kreditentscheidung nur der Wert der Liegenschaft relevant, und für diese wurden leichtfertig Belehnwerte und prognostizierte Wertsteigerungen in Ansatz gebracht, die sich nach dem Crash 2008 als völlig haltlos erwiesen.
Die Kredite an einkommens- und mittellose Hauskäufer bekamen in der Bankerszene auch einen Namen: NINJA-Kreditnehmer: No Income No Job or Assets (keine Einkommen, kein Job, kein Vermögen)
Bei den Managern der amerikanischen Spar- und Darlehenskassen gab es oft nur mehr die 3-6-3 Regel: "Zahle den Einlegern 3%, verleihe Geld zu 6%, und sei um 3 Uhr nachmittags auf dem Golfplatz." (Quelle)
6. Unregulierte Märkte für außerbilanzmäßige Geschäfte
Die anhand der unter Punkt 5 angeführten, wenig werthaltigen Kredite wurden in sog. CDO (Collateralized Debt Obligations) verpackt, von Ratingagenturen (ohne Kenntnis der einzelnen Kreditnehmer) bewertet und unter Banken weiterverkauft. Gleichzeitig blühte das Geschäft mit CDS (Credit Default Swaps), mit denen man diese Kredit versichern konnte:
Über diese sagte Alan Greenspan noch 2002:
„Eine Regulierung des Marktes für CDS ist nicht nur unnötig, sie würde potentiellen Schaden anrichten."
Diese CDO und CDS waren letztendlich ein wesentlicher Mitgrund, wieso aus der ursprünglichen lokal begrenzten, amerikanischen Subprime-Problematik eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise entstehen konnte.
- Viele CDO-Investoren haben sich mit CDS abgesichert.
- Ohne CDS wäre der CDO-Markt nicht so stark gewachsen (Quelle)
Fazit:
Die Regierung und Politiker aller Staaten sind angehalten, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass Finanzkrisen derartigen Ausmaßes nicht mehr entstehen können. Vollmundige Versprechen im Jahr 2009 gab es genug. Heute zeigt sich, dass die Politik noch mit den "Aufräumarbeiten" (Stichwort: Schuldenkrise) beschäftigt ist und auch noch länger sein wird.
Angekündigte Regeln, wie zB Basel III, belasten alle Banken nach dem Gießkannen-Prinzip. Dass sich die internationalen Bankenaufseher erst jetzt (März 2011, Quelle: kurier.at) einmal auf die Kriterien geeinigt haben, die systemrelevante Banken aufweisen, zeugt nicht von besonders großen Fortschritten.
Deshalb sollte es Ziel sein, das klassische Geschäftsmodell der Regional- und Genossenschaftsbanken zu stärken. Als Wähler, Kunde, Mitglied oder Mitarbeiter kann ich diese Entwicklung mit meinen Entscheidungen beeinflussen.
Weitere Infos:
Institut für Bank-, Börsen- und Versicherungswesen, Humboldt-Universität zu Berlin (Prof. Richard Stehle, Ph.D.); Link (pdf)


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